Überblick, Einblick, Inhalte 

Das Buch ist in 19 Kapiteln gegliedert, die jeweils ein Thema behandeln. Man muss das Buch also nicht von vorne bis hinten lesen. Es lassen sich beim Lesen einzelne Komplexe herausgreifen.      

Wie gelingt ein Blick zurück?

Am Anfang stellt sich natürlich die Frage, wie man heute einen Blick in die „Tiefe der Vergangenheit“ haben kann. Hilfreich ist, dass Krankheiten eine Gesetzmäßigkeit in sich tragen, die heute wie früher gelten: Unter welchen Bedingungen können Krankheitserreger bestehen, wie werden sie übertragen. Passen Klima und Region zu ihrer Existenz, brauchen sie Insekten oder andere Tiere als Zwischenwirte, können sie direkt von Mensch zu Mensch überspringen. Hilfreich ist zunehmend die Molekularbiologie, die genetische Abstammungslinien aufzeichnen können.

Afrikanisches Krankheitserbe

Ein Schwerpunkt ist zunächst die Evolution der Primaten in Afrika. Nachdem sich vor Millionen von Jahren  Nord- und Südamerika von Europa/Afrika abgetrennt hatte, war das warme Afrika ist zum Zentrum der Entwicklung der Primaten geworden. Dort ist nicht nur der Mensch entstanden. Dort haben sich auch in den vielen Tausend Jahren die meisten parasitären Krankheiten dem Menschen angepasst. Die Krankheitserreger, die seit der afrikanischen Vergangenheit bei uns sind, sind im Kontakt mit anderen Primaten, Tieren, Stechmücken, durch Egeln und Würmern aus dem Wasser der Seen zu angepassten Parasiten unserer Vorfahren und Verwandten in Afrikas geworden - die verschiedenen Formen von Malaria, Tuberkulose, Bilharziose, Gelbfieber usw. gebildet.

Vor etwa 100.000 Jahren begann der Moderne Mensch, Homo sapiens, sein Siedlungsgebiet über die Grenzen des afrikanischen Kontinentes auszudehnen – zunächst in Richtung Asien. Es stellt sich nun die Frage, ob und wenn ja welche Krankheiten bei ihnen weiter bestehen konnten – in den Wüsten, den Tropen Asiens, in den arktischen Zonen? Was geschah auf dem bislang unbewohnten Amerika-Kontinent, auf Inseln, Australien? Diese Fragen lassen teilweise gut beantworten – wobei die Sonderstellung des lange isolierten und menschenleeren Amerikas hierbei hilfreich ist.

Die Zentren der Entstehung bäuerlicher Kulturen

Nach der letzten Eiszeit entwickelten die erste Menschen in Nahen Osten, im Fruchtbaren Halbmond eine gänzlich andere Lebenform: die Produktion von Lebensmittel. Zusätzlich zum Ackerbau wurden dort die ersten Wildtiere domestiziert. Das liegt etwa 10.000 Jahre zurück.

Unbeeinflusst, unabhängig von dieser Entwicklung im Nahen Osten entstanden später im Osten Asiens, im Westen Afrikas und viel später im neu besiedelten Amerika bäuerliche Zentren, zumeist jedoch ohne eine Domestizierung von Wildtieren.

Die Kerne der bäuerlichen Kulturen liegen überwiegend in Regionen mit gemäßigtem Klima
Die Kerne der bäuerlichen Kulturen liegen überwiegend in Regionen mit gemäßigtem Klima

Mit der Nähe zu den Haus- und Hoftieren begann eine enge Symbiose von Tier und Mensch. Die Konsequenzen für die Menschheit sind gewaltig. Eine Vielzahl  der  Krankheitserreger, Parasiten der neuen Wirtschaftstiere passen sich im Laufe von Jahrtausenden an den Menschen an. Es sind überwiegend Virus-Krankheiten, die im Laufe der weiteren Entwicklung verheerenden Auswirkungen auf die bäuerliche Gesellschaft hatten. Masern, Influenza, Pocken..und auch die Pest bereits vor 5.000 Jahren (s. Neues über Krankheiten).

Es sind Souvenir-Krankheiten

– auf der Migration erworbene Parasiten – so wie man sich gegenwärtig z.B. die Zika auf einer Reise in den Süden Amerikas zuziehen kann.

Parasiten des Darmes und Ernährung

Weitere Kapitel befassen sich mit Darmparasiten, die auch überwiegend afrikanischen Ursprungs sind. Hervorgehoben werden solche Parasiten, die in engen, unhygienischen Bedingungen zu Epidemien führen können und der Schweine-Bandwurm.

Muß das sein? Für uns hier in Europa sind Würmer nur ekelig.  In vergangenen Gemeinschaften waren sie allgegenwärtig und folgenschwer. Sie beeinflussen die Aufnahme und Verwertung der Nahrung, besonders aber der Vitamine und führen zu Blutverlust. Archäologische Beispiele in Amerika und Europa werden erläutert.





Gesunde Zähne - aber ein Hinweis auf Skorbut: Knochenanbau an Kiefer (B.Jungklaus, Berlin)
Gesunde Zähne - aber ein Hinweis auf Skorbut: Knochenanbau an Kiefer (B.Jungklaus, Berlin)

Frauen, Mütter, Kinder in der Urgeschichte

Drei Kapitel befassen sich mit der besonderen biologischen Belastung der Frauen, wobei besonders die Anämie behandelt wird - und der Kinder. Ausführlich werden  archäologische Hinweise auf die Sterblichkeit von Frauen erläutert, vor allem im Zusammenhang mit der Geburt. Die südamerikanischen Frauen-Mumien geben dafür wichtige Hinweise.

Dann die Kinder: Was bedeutet das Stillen für ihre Überlebenschance. In welchem Alter sind Kinder in größter Not.wie hoch war die Kindersterblichkeit?

Überraschend ist der hohe  Anteil am Kalorienbedarf während der Entwicklung der Intelligenz, des Lernens in den ersten Jahren. Hier sind neuste Untersuchungen sehr aufschlussreich - sei benötigen mehr Kalorien/Glucose als Erwachsene. Ein ganzes Kapitel ist hier der Archäologie, der Paläopathologie gewidmet. Woran erkennt man am Skelett Zeichen von Krankheit, von Vitamin- und Eisenmangel, und wie kann man erkennen, dass ein steinzeitliches Kind z.B. mit 4 Jahren schwer erkrankt gewesen ist oder dass die Mutter im 6. Schwangerschaftsmonat unter Hunger und Not litt.

Horizontale Rillen: Störung des Zahnwachstums in Zeiten der Schwäche, Krankheit. Damit kann man erkennen, ob und auch wann es Kindern in einer historischen Gemeinschaft gut oder schlecht ging.    (Reichel)
Horizontale Rillen: Störung des Zahnwachstums in Zeiten der Schwäche, Krankheit. Damit kann man erkennen, ob und auch wann es Kindern in einer historischen Gemeinschaft gut oder schlecht ging. (Reichel)
Geburtsstillstand, Tod von Mutter und Kind
Geburtsstillstand, Tod von Mutter und Kind

 Erläuterung zu dieser Abbildung:

Von einer sehr jungen Frau (15-23 J.), die in der Endphase der Schwangerschaft mit einem Ungeborenen begraben wurde, berichtet eine detaillierte paläopathologische Beschreibung. Es handelt sich um eine Grablegung auf einem neolithischen Gräberfeld in Vietnam. Das Ungeborene war reif, etwa in der 38. Woche, in schwieriger Steißlage. Die Mutter hatte einen engen Geburtskanal. Obwohl so jung, hatte sie bereits 4 Zähne verloren, Wurzel-Abszesse, massive Karies an 20 Zähnen und Zeichen von Mangel-Stress an Zähnen und Schädelknochen (Horizontale Schmelzhypotrophie LEH und Porotische Hypertrophie s. Kap. 9). Die Abbildung zeigt das ungeborene, reife Kind in Steißlage am Beckeneingang.




Die ersten Bauern in der Mitte Europas

Wie kam die Kultur der Bauerngemeinschaften vor 8.000 Jahren nach Europa? Wurden die dort lebenden Jäger und Sammler zu Bauern? Woher kamen die Samen für Getreide, Linsen, woher die Ziegen, Schafe, Rinder, Schweine? War es eine „Völkerwanderung“ aus dem Nahen Osten, die Europa erreichte? Neue genetische Untersuchungen haben diese Fragen im Grundsatz geklärt.

Innerhalb weniger Jahrhunderte breiteten sich bäuerliche Mensch-Tier-Gemeinschaften in Europa aus - Siedlungen, umgeben von Äckern und Viehweiden. Diese Lebensform konnte lange gut gedeihen, die Zahl der Häuser und Bewohner wuchs. Mäuse, Stubenfliege und Kornkäfer begleiten die Bauern. Mit  dieser Form des Zusammenlebens entstand das infektiöse Krankheitsspektrum, das bis in die Neuzeit Bestand hat: Die afrikanischen Krankheiten wie Tuberkulose, Lepra, Hepatitis, die Darmparasiten sind weiterhin bei den Menschen. Hinzu kommen nun die Neuen - Influenza, Mumps und Masern usw., aber auch die Pocken und sehr früh auch die Pest - anfangs als Lungenpest. 

Bereits nach 500 Jahren gerät diese erste bäuerliche Kultur in eine tiefgreifende Krise:

Zeichen des Scheiterns 

Höfe wurden aufgegeben, Siedlungszentren umgaben sich mit wehrhaften Verteidigungsstrukturen, mit Wehrgräben und Palisaden. Archäologische Grabungen legen Skelette frei, die vielfältig von gewaltsamer Zerschlagung gezeichnet sind. Viele Siedlungen wurden überfallen und deren Bewohner mit grober Gewalt getötet – wer, warum?

Die Archäologie steht noch vor dem Rätsel, welche materiellen und kulturellen Ursachen diesen Einbruch ausgelöst haben könnten. Dieses Buch leistet keine Auflösung dieses Rätsels. Aber es werden wissenschaftliche Erkenntnisse aufgegriffen, die das Scheitern der Kultur der bäuerlichen Linearbandkeramik aus der Sicht des Mediziners beleuchten.

Das Massaker von Talheim (b.Heilbronn): 34 Skelette werden gefunden. Alle wurden durch Pfeile oder mit Äxten getötet. Hier sind zwei Tötungsszenen nachgebildet.
Das Massaker von Talheim (b.Heilbronn): 34 Skelette werden gefunden. Alle wurden durch Pfeile oder mit Äxten getötet. Hier sind zwei Tötungsszenen nachgebildet.

Tuberkulose

In dieser Krisenzeit wird bei Skeletten erstaunlich häufig Tuberkulose gefunden, ein Hinweis auf sehr prekäre Lebensbedingungen. Tuberkulose ist ein wichtiger medizinischer und archäologischer Hinweis auf Schwächung des Betroffenen, auf Hunger und auch auf andere Krankheiten. Leider wissen wir davon nur wenig. 

Die Archäologie stößt hier an ihre Grenzen. Gab es andauernde Hungersnöte durch Missernten,Tierseuchen, Entkräftung, durch uns unbekannte Krankheitsepidemien? 

 





Das Rätsel von Herxheim: In Gruben von insgesamt mehreren Hundert Meter Länge liegen die zerschlagenen Überreste von Hunderten von Menschen,von Gebrauchsgegenständen und Tieren, die auf noch unbekannte Art und Weise zu Tode kamen
Das Rätsel von Herxheim: In Gruben von insgesamt mehreren Hundert Meter Länge liegen die zerschlagenen Überreste von Hunderten von Menschen,von Gebrauchsgegenständen und Tieren, die auf noch unbekannte Art und Weise zu Tode kamen










Ein Kind mit Tuberkulose
Ein Kind mit Tuberkulose

Ebola, HIV

In den beiden letzten Kapiteln werden diese modernen (afrikanischen) Krankheiten behandelt. Sie stehen anschaulich für das Entstehen und Wirken von Krankheit auf das Leben, die Kultur menschlicher Gemeinschaften. Sie beleuchten die Gefahren, die sich mit dem groben Eindringen des Menschen in die Welt der Wildtiere für uns ergeben.

Heute ist Zika, eine afrikanische Primatenkrankheit, die sich in Windeseile ausbreitet und bislang schon Tausende von mißgebildeten Neugeborenen hervorbrachte. Was wird sie aus den Menschen in sub/tropischen Ländern machen, die jetzt und in Zukunft Schwangerschaften vermeiden oder befürchten, Kinder mit Mikrozephalus zur Welt zu bringen? Ein Ende der Bedrohung ist nicht abzusehen, die übertragende Tigermücke ist auf dem riesigen Kontinenten Amerika, Südasien und Afrika nicht auszurotten.

( Zika wird noch nicht im Buch beschrieben, sie ist neu. Siehe dazu: Neues über Krankheiten)

Aids-Ausbreitung seit 1988 in Afrika
Aids-Ausbreitung seit 1988 in Afrika
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Sterben im südlich Afrika

Aids ist ein eindrückliches Beispiel, dass und wie Krankheit auf die Menschheit und ihre Kultur einwirkt. Anders herum zeigt dies auch, wie die Lebenskultur Krankheitsentwicklung beeinflusst. Hier wirkt nicht nur Aids auf die Lebenserwartung, auch die anhaltenden Kriege und Religions/Stammeskonflikte tragen zur Erkrankung und zum frühen Sterben bei.

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